Wir wollen eine Saison in der wir gemeinsam wachsen

Wir wollen eine Saison in der wir gemeinsam wachsen

2. DBBL | 19.09.2026

Head Coach Thomas Seltner über den neuen Kader und die Nachwuchsarbeit vor dem Saisonstart

Die Vorbereitung ist abgeschlossen, die ersten Pflichtspiele stehen bevor. Nach einem großen personellen Umbruch gehen die ChemCats mit vielen neuen Gesichtern in die kommende Saison. Head Coach Thomas Seltner spricht über seine ersten Eindrücke, die Veränderungen im Kader, die Entwicklung der jungen Spielerinnen und das Pokalspiel bei TuS Neukölln.

Thomas, die Vorbereitung liegt hinter euch. Welchen ersten Gesamteindruck hast du von der Mannschaft?

Mein erster Eindruck ist sehr positiv. Sowohl von den Charakteren als auch von den unterschiedlichen Spielertypen her habe ich das Gefühl, dass die Mannschaft gut zusammenpasst. Trotzdem werden wir noch etwas Zeit benötigen. Ein großer Teil des Teams ist neu und gegenüber der vergangenen Saison fehlen uns sieben Spielerinnen verletzungs- oder abgangsbedingt. Deshalb müssen sich viele Abläufe und Rollen erst noch entwickeln.

Was braucht es jetzt, damit aus den einzelnen Spielerinnen möglichst schnell ein funktionierendes Team wird?

Wir müssen zunächst eine gemeinsame Idee davon entwickeln, wie wir miteinander spielen und als Mannschaft funktionieren wollen. Dafür müssen wir viel miteinander sprechen und gleichzeitig Geduld haben. Jede Spielerin braucht die Chance, in ihre Rolle hineinzuwachsen. Zugleich müssen wir bereit sein, Dinge immer wieder anzupassen.

Entscheidend ist, dass wir unser Spiel nicht allein an meinen Vorstellungen ausrichten, sondern an den Möglichkeiten unseres Kaders und den individuellen Stärken der Spielerinnen. Daran arbeiten wir im Augenblick: all diese unterschiedlichen Fähigkeiten möglichst gut zusammenzubringen.

Wenn du die neue Mannschaft mit dem Team der vergangenen Saison vergleichst: Wo liegen die größten Unterschiede und die besonderen Stärken des neuen Kaders?

Der größte Unterschied ist, dass wir in dieser Saison ganz andere Spielertypen im Kader haben. Ich hoffe, dass uns das mehr Variabilität gibt und wir offensiv wie defensiv mit unterschiedlichen Looks spielen können. Diese Vielseitigkeit kann an vielen Stellen zu einer unserer großen Stärken werden.

Durch die neue Zusammensetzung des Kaders wird sich allerdings auch die Rollenverteilung deutlich verändern.

Was ist aus der vergangenen Saison am schwersten zu ersetzen – sportlich oder auch innerhalb der Mannschaft?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil jede Spielerin, die uns verlassen hat, eine wichtige Rolle innerhalb des Teams hatte. Wenn man rein auf das Spiel schaut, ist Erin mit ihrer Präsenz und ihrer enormen Bereitschaft, physisch zu spielen, sicherlich nur schwer zu ersetzen.

Gleichzeitig wird sich auch die Rolle von Lucile verändern. Sie hat uns in den vergangenen Jahren mit 35 bis 38 Minuten pro Spiel sehr viel Stabilität gegeben und die Fäden unseres Spiels in der Hand gehalten. Sie wird uns auch in dieser Saison helfen – gerade jetzt nach dem Ausfall von Jette –, aber in einer anderen Rolle als in den vergangenen Jahren.

Mit Mazzie Harris, Caitlin Kobeski, Lena Dziuba und Emilie Matern sind vier neue Spielerinnen zum Team gekommen. Welchen Eindruck haben sie bisher hinterlassen und welche Rollen können sie übernehmen?

Der Eindruck ist grundsätzlich sehr positiv. Lena ist mit dem Ziel zu uns gekommen, mehr Verantwortung zu übernehmen, eine größere Rolle einzunehmen und sich in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Das macht sie bislang mit Bravour. Es ist schön zu sehen, wie sie diese Aufgabe annimmt und damit sowohl dem Team als auch mir sehr hilft.

Mazzie und Caitlin sind vom Charakter her eher zwei ruhige Vertreterinnen, die uns sportlich aber enorm weiterhelfen werden. Caitlin ist eine sehr physische und zugleich intelligente Spielerin. Sie bringt ein starkes Gesamtpaket aus Defense, Rebounding und unterschiedlichen Möglichkeiten im Scoring mit.

Mazzie wird bei uns vor allem auf den großen Positionen zum Einsatz kommen. Am College hat sie eher auf dem Flügel gespielt. Mit ihrer Wurfstärke, ihrem guten Zug zum Korb und ihrer Fähigkeit, ihre Mitspielerinnen einzusetzen, kann sie zu einer wichtigen Stütze für uns werden.

Die vielleicht spannendste Personalie ist Emilie. Mit Lucile hatten wir über lange Zeit eine Taktgeberin, die unser Spiel kontrolliert hat. Jetzt muss eine sehr junge Spielerin in diese großen Fußstapfen treten – und das ist natürlich eine völlig andere Situation. Emilie muss erst in diese Rolle hineinwachsen. Das macht sie bislang gut. Trotzdem müssen wir damit rechnen, dass es neben sehr guten Spielen auch Phasen geben wird, in denen es für sie schwieriger läuft.

Für uns ist es enorm wichtig, dass Spielerinnen wie Emilie sich hier entwickeln und bereit sind, den nächsten Schritt zu gehen. Gleichzeitig gehört es zu unseren Aufgaben – und insbesondere auch zu meiner Aufgabe als Trainer –, solchen Spielerinnen dabei zu helfen. Wenn Emilie diesen Weg weitergeht und ihre Aufgabe konsequent annimmt, kann das für sie eine sehr wertvolle Saison werden und für uns eine große Hilfe sein.

Mit Clara Nennemann und Alea Stephan sind zwei Spielerinnen aus dem eigenen Nachwuchs neu in den Bundesliga-Kader aufgerückt. Gleichzeitig gehören mit Nele, Lila, Jette und Lilli bereits mehrere junge Spielerinnen zum Team. Wie bewertest du ihre bisherige Entwicklung und welche Rollen können sie übernehmen?

Mit Alea und Clara haben wir zwei neue Spielerinnen im Team, die uns auf jeden Fall bereichern. Für Clara ist es jetzt das zweite Jahr an der Sportschule in Chemnitz. Sie hat sich in ihrem ersten Jahr sehr gut entwickelt, verfügt über einen guten Wurf und eine gute Physis und bringt eine starke Arbeitseinstellung mit. Ich bin überzeugt davon, dass sie uns im Laufe der Saison helfen kann.

Alea hat sich entschieden, in diesem Jahr den Weg mit dem Bundesliga-Team zu gehen. Sie hat bei uns alle Nachwuchsmannschaften von der U10 bis zur Bundesliga durchlaufen. Alea bringt eine gute Körperlichkeit mit und bewegt sich enorm gut ohne Ball. Natürlich muss sie sich noch an das höhere Niveau gewöhnen, aber auch bei ihr bin ich sehr positiv.

Für Jette hatten wir eine größere Rolle vorgesehen. Im Moment zählt allerdings nur, dass sie vollständig gesund wird. Das ist aktuell das Wichtigste.

Lila hat bereits in der vergangenen Saison im Training viele gute Ansätze gezeigt und war auch in der WNBL-Qualifikation ein sehr wichtiger Faktor für uns. Ihr Ziel muss es jetzt sein, die nächsten Schritte zu gehen, in der WNBL Führungsverantwortung zu übernehmen und sich gleichzeitig eine Rolle im Bundesliga-Team zu erarbeiten. Das ist definitiv möglich.

Lilli wird in dieser Saison mehr Verantwortung übernehmen müssen. Sie hat im vergangenen Jahr viele gute Ansätze gezeigt und ist eine Spielerin mit viel Potenzial und einer guten Physis. Für sie geht es jetzt darum, diese Qualitäten konstant zu zeigen und auch mit der größeren Verantwortung selbstbewusst aufzutreten.

Ähnliches gilt für Nele. Bei der Verpflichtung unserer Neuzugänge war uns wichtig, Spielerinnen zu finden, die gut neben ihr eingesetzt werden können und ihr eine klare Rolle ermöglichen. Ein klassischer Center neben ihr hätte es Nele eher schwerer gemacht. Deshalb haben wir uns auf den großen Positionen bewusst für beweglichere Spielertypen entschieden. Nele stand in allen drei Vorbereitungsspielen in der Starting Five und hat ihre Aufgabe ordentlich erfüllt.

Am Ende gilt für alle unsere jungen Spielerinnen dasselbe wie für Emilie: Es wird sehr gute, aber auch schwierigere Phasen geben. Das gehört zu ihrer Entwicklung – und es ist unsere Aufgabe, sie auch durch diese Phasen zu begleiten.

Für welche Art von Basketball sollen die ChemCats in dieser Saison stehen? Was soll die Mannschaft offensiv und defensiv auszeichnen?

Ohne jetzt schon ein zu konkretes Bild zeichnen zu wollen, ist eines ganz klar: Wir wollen Team-Basketball spielen. Wir wollen schnell, variabel und intelligent agieren – und das an beiden Enden des Feldes.

Wo siehst du die Mannschaft kurz vor dem Saisonstart bereits auf einem guten Weg – und in welchen Bereichen braucht sie noch die meiste Entwicklung?

Ich finde es sehr angenehm, wie die Spielerinnen miteinander umgehen – sowohl auf als auch neben dem Feld. Besonders positiv ist, wie die erfahrenen Spielerinnen unsere jungen Talente aufnehmen und unterstützen. Das ist für das, was wir vorhaben, sehr wichtig.

Entwicklung brauchen wir noch in verschiedenen Bereichen. Offensiv wie defensiv wird es vor allem darum gehen, die kleinen Dinge und die Details konsequent richtig zu machen. Dafür müssen wir uns noch besser kennenlernen und ein genaueres Gefühl füreinander entwickeln. Wenn uns das gelingt, wird vieles in unserem Spiel deutlich einfacher.

Morgen steht das Pokalspiel beim Regionalligisten TuS Neukölln in Berlin an. Wie schätzt du den Gegner ein, welche Bedeutung hat der Pokal für euch und worauf wird es in dieser Partie besonders ankommen?

Neukölln hat seine Regionalliga in der vergangenen Saison souverän gewonnen und verfügt über eine sehr erfahrene Mannschaft. Mit Coco Flaskamp, Lucy Reus, Henriette Höfermann und Kristin Greiner stehen dort mehrere Spielerinnen im Kader, die bereits in der ersten oder zweiten Liga aktiv waren. Die Mannschaft besitzt daher ein gewisses Niveau und viel Erfahrung. Das wird für uns definitiv kein Spaziergang – zumal wir personell aktuell nicht in Bestbesetzung antreten können. Mit Mette Härtel, Jette Krause, Lucile Peroche, Lila Weidlich und Clara Nennemann fehlen uns fünf Spielerinnen.

In seiner aktuellen Form besitzt der Pokal für uns allerdings nur eine begrenzte Wertigkeit. Der besondere Reiz für einen Zweitligisten besteht eigentlich darin, auf einen Erstligisten zu treffen und möglicherweise ein attraktives Heimspiel zu bekommen. Da die Erstligisten mittlerweile erst in der vierten Runde einsteigen, wird der Wettbewerb für uns deutlich entwertet. Hinzu kommt, dass diese Runde unter der Woche ausgetragen wird. Das ist für einen Zweitligisten organisatorisch kaum zu stemmen, wie uns bereits die Auswärtsreise an einem Mittwoch nach Heidelberg in der vergangenen Saison gezeigt hat.

Trotzdem wollen wir die Partie mit der richtigen Einstellung und der nötigen Ernsthaftigkeit angehen. Wir wollen das Spiel nutzen, um besser zu werden und uns auf den Ligastart vorzubereiten. Entscheidend wird sein, einige Schwächen aus den vergangenen Testspielen abzustellen und vor allem offensiv sowie in unserem Zusammenspiel den nächsten Schritt zu machen.

Mit welchen sportlichen Erwartungen und Zielen geht ihr in die neue Saison?

Auch hier möchte ich nicht zu sehr ins Detail gehen oder ein konkretes Ergebnis als Ziel ausgeben. Entscheidend ist, dass wir uns über die Saison hinweg weiterentwickeln – als Mannschaft, als Gruppe und jede Spielerin individuell. Diese Entwicklung muss erkennbar sein.

Dabei ist es wichtig, Fortschritt nicht ausschließlich an Ergebnissen festzumachen. Natürlich wollen wir Spiele gewinnen. Gleichzeitig müssen wir aber auch unabhängig davon bewerten, ob wir als Team besser werden und die nächsten Schritte gehen.

Welche persönlichen Ziele hast du dir als Head Coach für die kommende Saison gesetzt?

Ich habe für mich persönlich keine großen Ziele im Sinne eigener Erfolge. Meine wichtigste Aufgabe ist es, die Entwicklung in unserem Programm voranzutreiben.

Dabei ist mir besonders wichtig, dass die Türen zum Bundesliga-Team offenstehen und sich unsere Jugendspielerinnen durch gute Leistungen, großes Commitment und harte Arbeit ihre Chance verdienen können. Es geht nicht zwingend darum, dass sie bereits in dieser Saison viele Minuten in der Bundesliga spielen. Entscheidend ist zunächst, dass sie regelmäßig mit uns trainieren und darauf vorbereitet werden, in der kommenden Saison den nächsten Schritt zu gehen.

Wir wollen einen funktionierenden Übergang von der U16 in die WNBL und von der WNBL in die Bundesliga schaffen. Unsere Spielerinnen sollen einen klaren Weg erkennen können, den sie bei uns gehen können. Daran, ob uns das gelingt, muss auch ich mich am Ende messen lassen.

Worauf freust du dich persönlich mit Blick auf die neue Saison am meisten?

Ich freue mich auf unsere Heimspiele, auf die vielen Helferinnen, Helfer und Unterstützer, die uns begleiten, und auf die tägliche Arbeit mit dem Team. Vor allem freue ich mich darauf, die Entwicklung dieser Mannschaft mitzuerleben. Ich hoffe auf eine Saison, in der wir alle gemeinsam wachsen.

Bild: A. Trienitz